
Neurorehabilitation in der Physiotherapie
Nach einem Schlaganfall oder einer anderen Schädigung des Nervensystems steht der Körper vor einer großen Herausforderung: Funktionen wie Gehen, Greifen oder Sprechen müssen oft ganz neu erlernt oder verbessert werden. Die gute Nachricht: Das Gehirn und das Nervensystem besitzen eine erstaunliche Fähigkeit zur Veränderung und Anpassung – die sogenannte Neuroplastizität.


Neuroplastizität bedeutet, dass das Gehirn neue Verbindungen aufbauen und vorhandene Netzwerke umorganisieren kann, um verlorene Funktionen teilweise oder ganz zu ersetzen. Dass dieser Lernprozess stattfinden kann, braucht es gezieltes, wiederholtes und aktives Training.
Studien zeigen deutlich: Je früher und intensiver die Rehabilitation beginnt, desto besser sind die funktionellen Ergebnisse. (Kwakkel et al., 1999; 2004).
Ein zentrales Prinzip moderner Neurorehabilitation ist das aufgabenorientierte Training. Dabei werden Bewegungen nicht isoliert „geübt“, sondern in alltagsnahen, funktionellen Situationen trainiert – z. B. vom Stuhl aufstehen, greifen, gehen, vom Boden aufstehen oder eine Flasche öffnen.
Durch viele gezielte Wiederholungen dieser relevanten Aufgaben lernt das Nervensystem, Bewegungen effizienter und koordinierter auszuführen. Mehrholz und Kolleg*innen (2017, 2020) konnten zeigen, dass intensives Gehtraining, etwa mit Laufband oder Robotik-Unterstützung, die Gehfähigkeit nach Schlaganfall deutlich verbessern kann.
Entscheidend ist, dass Patient*innen aktiv mitarbeiten. Passive Bewegungen allein reichen nicht aus, um Neuroplastizität wirksam anzuregen. Stattdessen wird die Therapie individuell angepasst:
Welche Fähigkeiten sind wichtig? Welche Aufgaben motivieren? Welche Hilfsmittel oder Technologien können das Training unterstützen?
Auch interdisziplinäres Arbeiten und klare Zielvereinbarungen spielen eine große Rolle. Verbeek et al. (2014) betonen, dass Aktivität und Teilhabe im Alltag im Mittelpunkt stehen sollten – nicht nur die reine Muskelkraft.

Zusammengefasst bedeutet moderne Neurorehabilitation:
Frühzeitig starten
aktiv üben
viel wiederholen
alltagsrelevante aufgaben trainieren
das gehirn gezielt fordern
So kann das Nervensystem lernen, neue Wege zu finden – Schritt für Schritt,
mit Geduld, Struktur und wissenschaftlich fundierten Methoden.



Literaturverzeichnis (Auswahl)
Kwakkel, G., Wagenaar, R. C., Twisk, J. W., Lankhorst, G. J., & Koetsier, J. C. (1999). Intensity of leg and arm training after primary middle-cerebral-artery stroke: A randomized trial. The Lancet, 354(9174), 191–196.
Kwakkel, G., van Peppen, R., Wagenaar, R. C., Wood Dauphinee, S., Richards, C., Ashburn, A., ... & Langhorne, P. (2004). Effects of augmented exercise therapy time after stroke: A meta-analysis. Stroke, 35(11), 2529–2539.
Mehrholz, J., Thomas, S., Elsner, B., Werner, C., Kugler, J., Pohl, M., & Hirsch, K. (2017). Electromechanical-assisted training for walking after stroke. Cochrane Database of Systematic Reviews, (5), CD006075.
Mehrholz, J., Pollock, A., Elsner, B., & Pohl, M. (2020). Systematic review with meta-analysis of robot-assisted gait training after stroke. Journal of NeuroEngineering and Rehabilitation, 17(1), 155.
Verbeek, J., van der Weide, W., van den Berg, A., & van Dijk, F. (2014). Task-oriented training in rehabilitation after stroke. Clinical Rehabilitation, 28(6), 567–575.