
Schmerztherapie
in der Physiotherapie
Chronische Schmerzen bedeuten nicht automatisch, dass „etwas kaputt“ ist. In den letzten Jahren hat sich das Verständnis von Schmerz stark verändert. Heute wissen wir: Schmerz ist ein komplexes Schutzsignal, das durch biologische, psychologische und soziale Faktoren beeinflusst wird. Neben Gewebereizen spielen auch Nervensystem, Gedanken, Gefühle, Lebensumstände und Erfahrungen eine große Rolle.
Chronische Schmerzen sind nicht nur eine große Belastung für die Betroffenen, sie verursachen auch enorme Kosten (ca. 2,2% des BIP).
In Österreich geht man von 1,5 bis 1,8 Millionen Menschen mit chronischen Schmerzen aus. Studien belegen, dass Bewegung geradezu ein Wundermittel gegen chronische Schmerzen ist: Menschen im Erwerbsalter entwickeln seltener chronische Schmerzen, wenn sie drei- bis fünfmal pro Woche trainieren.
Eine aktuelle Metastudie zeigt, dass körperliches Training hilft, die Wahrscheinlichkeit für das Wiederauftreten von Beschwerden im unteren Rückenbereich zu reduzieren. Ab dem 50. Lebensjahr scheint regelmäßige Bewegung ein regelrechter „Schutz“ gegen chronische Schmerzen zu sein.
Eine englische Langzeitstudie mit rund 2.600 Teilnehmerinnen und Teilnehmern kam zum Ergebnis, dass neben einem wöchentlichen intensiven Training auch die Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen, etwa Museums- oder Konzertbesuche, eine vorbeugende Maßnahme gegen chronische Schmerzen sein kann (psycho-soziale Ebene).
(Zusammenfassung aus der Pressemitteilung zu den 19. Österreichischen Schmerzwochen der Österreichischen Schmerzgesellschaft 2020, www.oesg.at)



Man unterscheidet drei Hauptformen von Schmerz:
Nociceptiver Schmerz
Nociceptiver Schmerz entsteht durch Gewebeschädigung oder Reizung z. B. direkt nach einer Verletzung (Muskelfaserriss, Umknicken,...) oder OP.
Neuropathischer Schmerz
Neuropathischer Schmerz beruht auf einer Schädigung oder Erkrankung des Nervensystems (z.B. Polyneuropathie, Bandscheibenvorfall mit Bedrängung der Nervenwurzel, Karpaltunnelsyndrom etc.).
Nociplastischer Schmerz
Nociplastischer Schmerz (früher „zentraler Schmerz“) entsteht durch Veränderungen in der Schmerzverarbeitung des Nervensystems – hier ist kein klarer Schaden mehr verantwortlich, sondern das Nervensystem selbst ist empfindlicher geworden (z.B. CRPS früher Morbus Sudeck, Fibromyalgie, etc.) .


Diese Einteilung hilft, Schmerzen besser zu verstehen und gezieltere Strategien zu wählen.
Ein zentraler Bestandteil moderner Physiotherapie bei chronischen Schmerzen ist die Pain Neuroscience Education (PNE).
Dabei werden die biologischen und neurologischen Mechanismen des Schmerzes einfach und verständlich erklärt. Ziel ist es, Ängste abzubauen, falsche Vorstellungen zu korrigieren und Vertrauen in den eigenen Körper zurückzugewinnen.
Wer versteht, dass Schmerz nicht zwangsläufig Gewebeschaden bedeutet, bewegt sich oft sicherer, zuversichtlicher und aktiver. Studien zeigen, dass PNE Schmerzen, Angst und Behinderung verringern kann – besonders, wenn sie mit aktiver Therapie kombiniert wird.
Chronischer Schmerz wird häufig durch ungünstige Denk- und Verhaltensmuster verstärkt, z. B. Katastrophisieren („das wird nie mehr besser“), Bewegungsvermeidung oder einseitige Überlastung.
In der Physiotherapie arbeiten wir gezielt daran, diese Muster zu erkennen und Schritt für Schritt zu verändern. Das bedeutet zum Beispiel, Bewegungen wieder aufzubauen, Belastungen dosiert zu steigern und mehr Vertrauen in den eigenen Körper zu entwickeln.
Ein moderner Ansatz, der diese Prinzipien vereint, ist die Cognitive Functional Therapy (CFT).
Hier werden körperliche Übungen, Edukation und gezielte Verhaltensänderungen individuell kombiniert. Der Fokus liegt nicht auf generellen Regeln, sondern auf dem, was für Sie persönlich wichtig ist.
Gemeinsam werden Bewegungen geübt, Strategien entwickelt und Alltagssituationen verbessert – mit dem Ziel, wieder aktiv und selbstbestimmt leben zu können.

In der Praxis bedeutet das:

Verstehen
Schmerzmechanismen nachvollziehbar erklären, Ängste reduzieren.
Bewegen
Aktiv und schrittweise Belastung aufbauen, statt zu schonen.
Verändern
Ungünstige Gedanken und Verhaltensmuster erkennen und neue Strategien entwickeln.
begleiten
Empathisch, individuell und auf Augenhöhe.


Wichtige Grundlagen dieser Ansätze stammen von führenden Schmerzforschern und Physiotherapeut*innen wie David Butler, Lorimer Moseley, Louis Gifford sowie Kieran und Peter O’Sullivan. Ihre Arbeit verbindet neurowissenschaftliche Erkenntnisse mit praxisnaher, patientenzentrierter Therapie.
Moderne Schmerztherapie in der Physiotherapie bedeutet also nicht, den Schmerz einfach „wegzudrücken“, sondern ihn zu verstehen, ihn zu entmystifizieren und gemeinsam Strategien zu entwickeln, um Kontrolle, Vertrauen und Lebensqualität zurückzugewinnen.
Auch wenn chronische Schmerzen nicht immer vollständig verschwinden, lässt sich oft sehr viel erreichen: mehr Bewegungsfreiheit, weniger Angst, mehr Selbstvertrauen – und ein aktives Leben trotz oder mit weniger Schmerz.
Literaturverzeichnis (Auswahl)
Butler, D. S., & Moseley, G. L. (2013). Explain Pain (2nd ed.). Noigroup Publications.
Gifford, L. (2014). Aches and Pains. Gifford Publishing.
Leeuw, M., Goossens, M. E., Linton, S. J., Crombez, G., Boersma, K., & Vlaeyen, J. W. (2007). The fear-avoidance model of musculoskeletal pain: Current state of scientific evidence. Journal of Behavioral Medicine, 30(1), 77–94.
O’Sullivan, P. B., Caneiro, J. P., O’Keeffe, M., & O’Sullivan, K. (2018). Cognitive Functional Therapy: An integrated behavioral approach for the targeted management of disabling low back pain. Physical Therapy, 98(5), 408–423.
T Landmark et al, Associations between recreational exercise and chronic pain in the general population: Evidence from the HUNT 3 study. Pain 2011; 152; 2241-2247
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D. Steffens et al, Prevention of Low Back Pain: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA Intern Med. 2016;176(2):199– 208. doi:https://doi.org/10.1001/jamainternmed.2015.7431
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